SimultanProjekte 2026
30.05. – 29.08.2026
„Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“
(Antonio Gramsci)
„Entweder werden wir eine Zukunft haben, in der Frauen den Weg weisen, um Frieden mit der Erde zu schließen, oder wir werden überhaupt keine Zukunft haben. “
(Vandana Shiva)
Aus den Rissen der Gegenwart wittert eine Kunst, die das Noch-Nicht in den Trümmern des Nicht-Mehr spürt. Eine Kunst der neuen Zeitlichkeit, zeitlos-überzeitlich. Die Natur arbeitet am Material, verwandelt, zersetzt, hinterlässt Spuren. Nicht aus Trotz optimistisch, nicht resigniert, sondern im Wissen um die Selbstermächtigung im Witterungsprozess.
Der Philosoph Simon Sheikh beschreibt in Life Among the Ruins die Ruine als politisches Konzept: „At stake are the aftershocks and afterlives of their violent meanings.“ Was bleibt, sind Ruinen voller Erzählungen. Mira Siering und Nadine Karl gestalten das Gelände der Simultanhalle installativ. Sie entwickeln künstlerische (Denk-)Räume im Dialog miteinander und dem Gelände und spüren Narrativen der Witterung nach.
Sierings bildhauerische Praxis ist durchzogen von Anspielungen auf Vergänglichkeit und Naturprozesse. Durch ihre Bezüge zu geologischen und ökologischen Zusammenhängen verweist Siering in ihren Arbeiten auf die Koexistenz allen Lebens auf mikro- und makroskopischer Ebene und erforscht Gedächtniskultur und naturwissenschaftliche Visualisierungen.
Karls Praxis hinterfragt, inspiriert von ökofeministischen Denktraditionen, das anthropozentrische Weltbild und hierarchische Strukturen, um Perspektiven auf Formen des Zusammenlebens zu eröffnen, die auf Fragilität, Empathie und wechselseitiger Fürsorge basieren.
In Zeiten der Polykrise wittern auch wir, dass ein Paradigmenwechsel unausweichlich geworden ist. Institutionelle Überforderung, politische Radikalisierung, ökologischer Kollaps, soziale Kälte, Demagogie und kriegerische Konflikte prägen die Gegenwart. Es ist die Zeit der Monster und Ruinen.
Diese dienen kulturübergreifend als Verbildlichungen undefinierter Ängste und gesellschaftlicher Vorahnungen. Kulturtheoretiker Mark Fisher prägte den Begriff Hauntology als kulturwissenschaftliche analytische Untersuchung und kreative Praxis, welche diese Vorahnungen einer verlorenen Zukunft und Nachklängen eines zerbrochenen Gestern analysiert und rekontextualisiert. Fisher spricht von ‚lost futures‘, die nun als nostalgische Retroästhetiken durch die Gegenwart spuken. Diese gilt es zu begreifen und umzunutzen.
Am Performance-Tag wird das Gelände deshalb zusätzlich zur Spielstätte für hauntologische Heimsuchungen: Darcy Neven erinnert mit einer kulinarischen Performance an alte Naturreligionen und schamanistische Rituale. Mohamad Moe Sabbah konfrontiert uns mit queeren Lebensformen einer post-collapse-future geprägt von Ökozid, Zerfall und Krieg. Philip Nürnberger untersucht in seiner Lecture-Performance Keine Ruinen mehr deren gespenstische und mahnende Dimension.
Ebenfalls laden Kuratorium und Künstler:innen ein, im Rahmen von drei Workshops tiefer in Ökofeminismus, Hauntology und queere Ideologiekritik einzutauchen. Die SimultanProjekte 2026 dienen somit über die gesamte Laufzeit hinweg als Versuchslabor. Zwischen den verwitternden Gebäuden auf dem Gelände und den, der Witterung ausgesetzten Installationen, werden neue Zukunftsvisionen beschworen und Praktiken spekulativen Kunstschaffens und Austausches, die nicht-mehr und auch noch-nicht da sind, erprobt.
Text: Thomas Bartling, Markus Pinell, Christian Platz
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Nadine Karl, Intime Komplizenschaft, 2026.
Nadine Karl ist eine interdisziplinäre Künstlerin, deren Werke zwischen Film, Fotografie, Installation und Skulptur oszillieren. Ihre atmosphärische Bildsprache öffnet neue Denkräume und bezieht sich dabei auf literarische, filmische und theoretische Ansätze, wie die des Ökofeminismus. Dieser versteht sich nach Nadine Gerner und Lina Hansen als radikale, intersektionale Bewegung, die ökologische und soziale Gerechtigkeit als untrennbar begreift und für die Befreiung von Mensch und Natur aus Ausbeutungsverhältnissen eintritt.
Ihre Arbeit Intime Komplizenschaft verbindet künstlerische Praxis, ökologische Reflexion und feministische Theorie. Dies wird vor allem in der Darstellung von Brunnenfiguren und der Vorstellung einer gleichberechtigten Koexistenz zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Lebensformen deutlich. Auf einem gebogenen Aluminiumträger befindet sich eine fotografische Collage. Im Hintergrund das „Sandmeer“ der chilenischen Atacama-Wüste, ein zentrales Motiv und Forschungsgrundlage Nadine Karls. Die Region steht für den Widerspruch zwischen extremer Trockenheit und intensiver Rohstoffausbeutung, insbesondere durch den Lithiumabbau, der als Sinnbild hyperkapitalistischer Bedürfnisse, ökologische Zerstörung vorantreibt. Überlagert wird die Landschaft mit Mikroorganismen, genauer Urzeitschwämmen – Symbole einer „tiefen Zeit“, die sich menschlichen Maßstäben entzieht und als radikale Gegenposition zu kapitalistischen Temporalitäten gelesen werden kann.
Eine weiblich gelesene Brunnenfigur, traditionell als Nymphe oder Venus auf Fruchtbarkeit und Reinheit reduziert, wird bei Karl zum aktiven Bildsubjekt. Sie steht gleichberechtigt neben den Organismen und bricht so mit dem „male gaze“. Die Materialwahl des Aluminiums unterstreicht dies: Durch Passivierung bildet sich eine schützende Oxidschicht, die besonders für die Präsentation im Außenraum und die Ausstellung wittern relevant ist.
Vorgelagert ist eine Brunnenskulptur, die die bildliche Konzeption des Verwitterns aufgreift. Der Brunnen – ein gefundenes Objekt – wurde von Nadine Karl mit aus Sand und Bindemittel abgeformten Objekten, welche Riesenschwämme und Islandmuscheln darstellen, ergänzt. Durch die Materialkombination werden sie schwarz gefärbt und erhärtet. UV-Strahlung löst diese Reaktion mit der Zeit wieder auf, sodass das Objekt durch Witterung erhellt und in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehrt, ohne die Erhärtung aufzulösen. So schafft Karl ein neues ökologisches Konstrukt und eine neue Lesart von Material und Figuren.
Text: Jessica Schiefer
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Mira Siering, Vom Entweichen, 2026.
Mira Sierings bildhauerische Praxis ist geprägt von fragilen, oft durch Zeichnung und Abformungen entwickelte Formen, die Spuren vergänglicher Naturprozesse tragen. Ausgehend von landschaftlichen und anthropogenen Erhebungen entstehen im intuitiven Prozess eigenständige skulpturale Körper, die geologische und ökologische Zusammenhänge sowie die Koexistenzen von Menschen und anderen Lebewesen thematisieren. Ihr mit dem Material kooperierender Umgang durchzieht die Objekte und lässt deren Veränderlichkeit, Anpassung zueinander und Abhängigkeiten spüren. Mit Titel entwickelt Siering für die SimultanProjekte ihre erste Arbeit im Außenraum.
Vom Entweichen deutet hin. Auf die Gegebenheiten vor Ort, das Gelände der Simultanhalle. Die Risse in der Betonfläche des ehemaligen Schulhofes. Schnitte, die durch andere Künstler:innen ins Gelände gezogen wurden, dort wo sich Wurzelwerk und Pflanzen durch den versiegelten Boden drücken. Ähnlich wie bei tektonischen Plattenverschiebungen entstanden über Jahrzehnte Wölbungen, Öffnungen, Klüfte, die Vom Entweichen sichtbar machen möchte. Aber auch auf die Gebäude, auf deren Ausrichtung und Symmetrie verweisen die „Pfeile“.
Der Pfeil als universelles Zeichen einer Richtung, einer Bewegung zu etwas, des Hin-Zeigens, ist in Titel Symbol und Oberfläche zugleich. Inspiriert von Piktogrammen auf geologischen Karten, welche Erd- und Luftbewegungen anzeigen, scheinen Sierings Pfeile sich aus den Spalten im Boden zu drücken und verankern sich mit der Oberfläche. Die Arbeit dient somit als Metapher für anthropogene geologische Abläufe, welche die Landschaften der Simultanhalle durchziehen. Diese „tektonischen Plattenverschiebungen“ sind menschlich gemacht. Die Versiegelung des Geländes kann die Erd- und Wurzelbewegungen, die Veränderungen und Witterungsprozesse, die sich nach mehreren Jahrzehnten das Gelände zurückerobern, nicht verhindern. An einer Stelle dient Vom Entweichen sogar als eine Art Umrandung des Wurzelwerks, welches die vollversiegelte Fläche des Geländes abdichten möchte und betont so sein Hervorquellen aus der Oberfläche.
Die Künstlerin verwendet verzinktes Stahlblech, nicht rostend und wasserabweisend. Es steht in seiner glatten Nüchternheit zunächst im starken Kontrast zur Verwachsenheit und Wildheit des Geländes. Sie ist Zeiger und Eindringling zugleich. Doch nach einigen Monaten werden die Pfeile Teil des Geländes sein. Ihre Patina verändernd, sich den Gegebenheiten anpassend. Die verzinkte Oberfläche der Objekte ist durchzogen von Linien, Strukturen und Referenzen auf andere Landschaften. Richtungen und Bewegungen wurden von Siering mit Schleifkopf und Dremel gezeichnet, geschnitten, aufgebrochen und damit der Umwelt und deren Einflüssen wieder zugänglich gemacht. Diese Stellen sind eingeladen, sich in ihrer Farbigkeit und Stabilität zu verändern, die Einflüsse der Sonne, des Windes, Regens und anderer Berührungen in sich aufzunehmen, um Teil der Landschaft zu werden. Über den Verlauf der SimultanProjekte werden sie Teil der Zersetzungsprozesse, die über eine Ausstellungsperiode im Außenraum und an ihnen selbst stattfinden.
Wenn sie durch diese Einflüsse in Schwingung geraten, erzeugen sie ein geisterhaftes Säuseln, welches die Pfeile zu Seismographen der Witterung werden lässt.
Text: Gesa Kolb