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    • Mohamad Moe Sabbah, Trip#4_STAGNANT.VALLEY, 2026. Foto: Carla Hamacher

    • Mohamad Moe Sabbah, Trip#4_STAGNANT.VALLEY, 2026. Foto: Carla Hamacher

    • Mohamad Moe Sabbah, Trip#4_STAGNANT.VALLEY, 2026. Foto: Carla Hamacher

    • Darcy Neven, Feed Thy Neighbour, 2026. Foto: Carla Hamacher

    • Darcy Neven, Feed Thy Neighbour, 2026. Foto: Carla Hamacher

    • Darcy Neven, Feed Thy Neighbour, 2026. Foto: Carla Hamacher

    • Philip Nürnberger, Keine Ruinen mehr, 2024-2026. Foto: Carla Hamacher

    • Philip Nürnberger, Keine Ruinen mehr, 2024-2026. Foto: Carla Hamacher

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    WITTERN Performance Tag

    SimultanProjekte 2026
    20.06.2026

    „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“
    (Antonio Gramsci)

    „Entweder werden wir eine Zukunft haben, in der Frauen den Weg weisen, um Frieden mit der Erde zu schließen, oder wir werden überhaupt keine Zukunft haben. “
    (Vandana Shiva)

    Aus den Rissen der Gegenwart wittert eine Kunst, die das Noch-Nicht in den Trümmern des Nicht-Mehr spürt. Eine Kunst der neuen Zeitlichkeit, zeitlos-überzeitlich. Die Natur arbeitet am Material, verwandelt, zersetzt, hinterlässt Spuren. Nicht aus Trotz optimistisch, nicht resigniert, sondern im Wissen um die Selbstermächtigung im Witterungsprozess.

    In Zeiten der Polykrise wittern auch wir, dass ein Paradigmenwechsel unausweichlich geworden ist. Institutionelle Überforderung, politische Radikalisierung, ökologischer Kollaps, soziale Kälte, Demagogie und kriegerische Konflikte prägen die Gegenwart. Es ist die Zeit der Monster und Ruinen.

    Der Philosoph Simon Sheikh beschreibt in Life Among the Ruins die Ruine als politisches Konzept: „At stake are the aftershocks and afterlives of their violent meanings.“ Was bleibt, sind Ruinen voller Erzählungen und Gespenster.

    Diese dienen kulturübergreifend als Verbildlichungen undefinierter Ängste und gesellschaftlicher Vorahnungen. Kulturtheoretiker Mark Fisher prägte den Begriff Hauntology als kulturwissenschaftliche analytische Untersuchung und kreative Praxis, welche diese Vorahnungen einer verlorenen Zukunft und Nachklängen eines zerbrochenen Gestern analysiert und rekontextualisiert. Fisher spricht von ‚lost futures‘, die nun als nostalgische Retroästhetiken durch die Gegenwart spuken. Diese gilt es zu begreifen und umzunutzen.

    Am Performance-Tag wird das Gelände deshalb zusätzlich zu den installativen Arbeiten, die Mira Siering und Nadine Karl für die SimultanProjekte 2026 WITTERN angefertigt haben zur Spielstätte für hauntologische Heimsuchungen:

    Darcy Neven erinnert mit einer kulinarischen Performance an alte Naturreligionen und schamanistische Rituale. Mohamad Moe Sabbah konfrontiert uns mit queeren Lebensformen einer post-collapse-future geprägt von Ökozid, Zerfall und Krieg. Philip Nürnberger untersucht in seiner Lecture-Performance Keine Ruinen mehr deren gespenstische und mahnende Dimension.

    Ebenfalls laden Kuratorium und Künstler:innen ein, im Rahmen von drei Workshops tiefer in Ökofeminismus, Hauntology und queere Ideologiekritik einzutauchen. Die SimultanProjekte 2026 dienen somit über die gesamte Laufzeit hinweg als Versuchslabor. Zwischen den verwitternden Gebäuden auf dem Gelände und den, der Witterung ausgesetzten Installationen, werden neue Zukunftsvisionen beschworen und Praktiken spekulativen Kunstschaffens und Austausches, die nicht-mehr und auch noch-nicht da sind, erprobt.

    Text: Thomas Bartling, Markus Pinell, Christian Platz

    Darcy Neven, Philip Nürnberger, Mohamad Moe Sabbah, Nadine Karl, Mira Siering

    Darcy Neven
    Feed thy Neighbor, 2026.

    Feed thy Neighbor
    Füttere deine Nachbar:innen

    How you can distinguish Heaven from Hell, is how people treat each other.
    Wie wir Himmel und Hölle definieren, so behandeln wir unser Gegenüber.

    In the universal “story of the long spoons” you know you have entered Heaven when you can see that people are sharing and feeding each other. When the long spoons prevent you from feeding yourself, you hold the hope that others will give you a hand.
    In der “Allegorie der langen Löffel” heißt es, das Paradies sei nah, wenn wir Menschen mit langen Löffeln sehen, die sich gegenseitig füttern und ihr Essen miteinander teilen. Halten uns die langen Löffel davon ab, uns selbst zu ernähren, kommt in uns die Hoffnung auf, dass es jemand anderes für uns tun wird.

    In a world with so much war, violence, greed and separation: I invite people to feed each other. I invite people to sit together and explore new layers of intimacy and togetherness.
    In einer Welt voller Krieg, Gewalt, Gier und Spaltung möchte Darcy Neven die Besucher*innen dazu einladen, sich gegenseitig zu füttern. Sie lädt uns zum gemeinsamen Sitzen und zur Erkundung verschiedenster Ebenen der Intimität und Gemeinsamkeit ein.

    The dining table and the kitchen can become tools of resistance, so food can bridge differences and be the glue that brings people together.

    Der Esstisch und die Küche können als Werkzeuge des Widerstands betrachtet werden, damit das gemeinsame Essen zu einer metaphorischen Brücke wird und uns zusammenschweißt.

    How does it feel to be fed? How does it feel to surrender to the care of another?
    Wie fühlt es sich an, gefüttert zu werden? Und wie fühlt es sich an, die Verantwortung an jemanden anderen abzugeben?

    We are able to put our vulnerability into the cauldron above the fire and we allow the alchemy to transform us.
    Wir sind fähig unsere Vulnerabilität in den Kessel über dem Feuer zu werfen und erlauben der Alchemie uns zu transformieren.

    This is not only how we fill our bellies, but how we nourish souls and slowly build communities of compassion.
    So füllen wir nicht nur unsere Bäuche, sondern nähren unsere Seelen und bilden Gemeinschaften des Mitgefühls.

    Through the heartbreaking inequality, injustice and cruelty: we choose to remember our inherent magic, wonder and light. We choose to dream up other ways of living and loving on this planet.
    Während wir täglich Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Grausamkeit mitbekommen, entscheiden wir uns an die Hoffnung, inhärente Magie und das Wunder zu glauben. Wir entscheiden uns von einer besseren Welt zu träumen, von Leben und Liebe.

    So guten appetit, smakelijk eten, enjoy your meal: May it nourish your Soul.
    Also: Guten Appetit, smakelijk eten, enjoy your meal. Soll das gemeinsame Essen deine Seele nähren.

    Englischer Text: Darcy Neven
    Übersetzung: Aenne Lowisch

    Philip Nürnberger
    Keine Ruinen mehr, 2024-2026.

    Philip Nürnberger(*1993 in Mönchengladbach) studierte zunächst Philosophie in Düsseldorf, anschließend Freie Kunst an der HBK in Braunschweig und an der Kunstakademie in Karlsruhe.
    Philip Nürnbergers Arbeit umfasst Installationen, Skulpturen, Videos, Collagen und Performance. Als Grundlage dienen oft digitale und analoge Fundobjekte, die auf quantifiziertes Wissen verweisen, wie beispielsweise Karten, Modelle und Archivmaterial.

    Den Fundobjekten werden durch Philip Nürnberger narrative Ansätze zugeschrieben, die neue und fragmentierte Welten entstehen lassen, die zwischen fantastischen Erzählungen und realem Raum liegen.In seiner Lecture-Performance ‚Keine Ruinen mehr‘ werden Orte zwischen Ruine und Lost Places, die als Orte der völligen Einsamkeit gelten und sich selbst überlassen scheinen, als völlige Illusion dieser Erzählungen enttarnt. Der Mensch spielt überall mit!Wir begleiten Philip Nürnberger in dieser multimedialen Performance auf einer Reise durch diverse Browsertabs und den unendlichen Verbindungen von Links im Internet. Bei diesem anthropologischen Arbeitsansatz durch Bilder aus Internet-Quellen bezieht er sich auf den Künstler Jon Rafman und insbesondere seine 9eyesArbeit, welche sich wiederum auf die Kamera zur Erstellung von Google Streetview Bildern bezieht. Die Kunst und

    Arbeitsweise Rafmans sowie Nürnbergers erschaffen eine Ambivalenz zwischen investigativen Recherchen und freien Erkenntnissen. Dabei entstehen Gefühle der Nostalgie, Einsamkeit, Sehnsüchten, Fantasien und erneut der Raumverschiebung zwischen Magie und Realität. Die freien Erkenntniswege und Interpretationen Nürnbergers stehen sicherlich im Zusammenhang mit seiner Verankerung in der Philosophie.

    Ab einem gewissen Punkt fragen wir uns in der Performance, ist die Ruine ein Sinnbild des Scheiterns von Architektur? Und dieser Gedanke des Scheiterns regt umgehend die Vorstellung nach Zukunft an. Dystopie oder Utopie? – eine ewige Frage und je nach persönlicher Einstellung. Die dystopische Ruine und das Scheitern der Architekturkannals Metapher des Scheiterns der Kultur gesehen werden, wohingegen die Utopie für Neubeginn stehen kann. Mit diesem Gedanken schwenkt Philip Nürnberger weiter in die Vorstellung einer Welt und Zukunft ohne Menschen. Über diese dystopische oder auch utopische Vorstellung folgen wir in die Welt der Computerspiele – hier ist die Inszenierung von Ruinen besonders auffällig – doch durch die Planung dessen, ganz in der Tradition der geplanten Ruinen in der Romantik – gibt es kein natürlichen Zerfall und die Ruinen dienen nur als Container für bestimmte Erzählungen. Somit finden wir den Weg zu allgemeinen erzählenden Orten und im Sinne der Dystopie auch zum Archetyp eines bösen Ortes;einem radioaktiven Endlager, wir spinnen diese Idee einer postapokalyptischen und dem Post-Anthropozän, nach dem es durch die Vollautomatisierung einer globalen Welt keine Ruinen mehr gibt, weiter und kehren zum “wilden Ort” zurück.

    Die philosophische Auseinandersetzung von Ruinen Ästhetik besteht spätestens seit 1907 mit dem bahnbrechenden Essay “Ruinen” von Georg Simmel. Eine Faszination an Ruinen trägt die Menschheit aber schon mindestens seit der Antike mit sich. “Das Ruinenästhetische ist als ein atmosphärisches Reflexionsgeschehen zu verstehen.”Und die Vorstellung einer Postapokalypse als Ruinierung der Lebenswelt? In Kevin Bückings Literatur und Analyse zur Ruinenästehtik, aber auch in Philip Nürnbergers Performance geht hervor; “Ruinen sind eine anthropologische Grundkonstante des menschlichen Daseins. Wo der Mensch lebt, da hinterlässt er sein Werk und gibt somit Zerstörung und Verfall preis.”Denken wir an unsere Gegenwart, so trifft dies eben auch auf unsere digitalen Welten und den Ruinen die wir dort hinterlassen zu. Wenn es aber irgendwann eine Welt ohne Menschen gibt, geht auch die Ruine verloren; “Wenn wir angesichts der Ruinen vergangene Zeiten imaginieren und in die toten Mauern durch unsere Fantasie wieder Leben einzieht, dann gewinnt die Ruine eine Aura der Geschichtlichkeit, die ihr nicht ohne unseren belebenden Blick zukommt und die unser Blick nicht freisetzt, ohne Anstoß an der Ruine zu nehmen.”

    Text: Jessica Schiefer

    Mohamad Moe Sabbah
    Trip#4_STAGNANT.VALLEY
    a performance under the umbrella of Escaping Him, 2026.

    Aus dem Inneren eines verwitterten Schiffscontainers tritt in Mohamad Moe Sabbahs Performance eine Gestalt hervor. Begleitet vom Hall verfremdeter Stimmen, aufgezeichnet und projiziert von Überwachungssystemen, deren Sinn sich uns nicht erschließt, entzieht sich das Wesen eindeutiger Klassifikation: halb Wasserkreatur, halb Maschine. Kein Geschlecht scheint es zu haben, oder vielmehr alle. Es verlässt den zur Ladestation umfunktionierten Container. In der Hand hält es ein Totem, gefertigt aus Relikten des Anthropozäns; Rückstände einer Zivilisation, die sich für unsterblich hielt. Mit diesem Werkzeug in der Hand beschwört Sabbahs Wesen die Stimmen der Vergangenheit und Zukunft zugleich. Als mahnender Besuch aus einer post-collapse-future tritt das Wesen in Interaktion mit dem Gelände, den anderen Arbeiten und den Anwesenden. In der Konfrontation liegt die eigentliche Geste der Arbeit: keine Distanz, sondern die Aufforderung, näher zu treten und Vielschichtigkeiten wahrzunehmen. Donna Haraway beschrieb in ihrem Cyborg Manifesto Cyborgs, also Mischwesen organischer und technologischer Natur, als ideale Denkfiguren im Widerstand gegen Ordnungssysteme welche klare Trennungen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Kultur, männlich und weiblich zementieren.

    Auch das Gewand des Wesens verbindet Gegensätze: feine Paillettenstickereien auf Stoffen, die der Künstler in Kairo erworben hat, treffen auf triefendes Latex. Das Material ist keine Zufälligkeit. Als ehemalige Errungenschaft der Kolonialen Ära ist Latex durchtränkt von Erinnerungen an Zwangsarbeit, Ausbeutung und Industrialisierung. Im Rohzustand jedoch ähnelt es Schleim. In Slime Dynamics beschreibt der Kulturwissenschaftler Ben Woodard Schleim als ein Material der Entgrenzung: Er entsteht wo sich Lebendiges und Totes trennen, fungiert als Bindeschicht und Barriere. Ebenso verortet er im Schleim den Ursprung allen Lebens und sieht in der abjekten Substanz ein Symbol für Krankheit, Mutation und Abkehr vom Anthropozentrismus. Als spiritistisches Pendant zu Schleim fungiert das sagenumwobene Ektoplasma, das in den Séancen des 19. Jahrhunderts aus Körpern ausgetreten sein soll. Materielles Zeugnis geisterhafter Erscheinungen, ein weiterer Verweis auf Existenzen außerhalb der menschlichen Erfahrungshorizonte. Das Gewand des Wesens ist also kein bloßes Kostüm, es ist Dokument vergangener Ungerechtigkeit und Verweis auf geisterhafte Heimsuchungen Ebenfalls ist es ein Aufruf zu queerer Selbstverwirklichung, wenn es die Ästhetik von Drag evoziert: Opulente Eleganz und das Auflösen von konventionellen Geschlechtervorstellungen fungieren in dieser Art der Performance als Sinnbild des Widerstands und stiftendes Element eines Gemeinschaftssinns. Sabbahs Wesen entlarvt die Performativität von Geschlecht und Organismus und versetzt die Gesten des Drag in ein Zeitalter des Transhumanismus.

    Das Wasser, dem Sabbahs Figur entstammt, ist kein strömendes, lebensspendendes Element, neigt man anzunehmen. Es ist ein stehendes, schleimiges Gewässer, zugleich faszinierend und abstoßend. Was sagt uns dieser Ursprung über das Wesen, das Sabbah uns präsentiert? Erinnert man sich an Zygmunt Baumans Analyse der Gegenwart als liquid modernity, also einer Epoche, in der alle festen Strukturen wie Sicherheit, Identität und Gemeinschaftssinn Erosion und reißenden Veränderungen ausgeliefert sind fällt auf: Sabbahs Figur ist nicht mitgespült worden. Ihr Ursprung ist die Weigerung, sich der destabilisierenden willkürlichen Liquidität zu fügen, die das spätkapitalistische Rauschen als Freiheit verkauft. Im angesammelten Detritus aus Kolonialgeschichte, Ökozid und queerer Unterdrückung wird das Brackwasser zum hauntologischen Substrat. Im Stagnant Valley auf dem Gelände der Simultanhalle verdichtet Sabbah die materiellen Überreste einer Gegenwart, die ihre eigenen Zukunftsversprechen nicht einlösen kann, und spiegelt sie als zeitreisender Spuk zurück in das Hier und Jetzt. Welche Zukünfte sind noch denkbar, wenn die Gegenwart kollabiert? Wer vermag zu singen und wer verstummt im Zeitalter des Posthumanismus?

    Text: Markus Pinell

    Die SimultanProjekte 2026 werden gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Kulturamt der Stadt Köln, Wunderkammer Stiftung und GLS Treuhand e.V. Mit freundlicher Unterstützung von Gaffel Kölsch und Ströer.