26.09. – 10.10.1993
Liebe Freunde der Simultanhalle,
mal ehrlich, es ist ja nicht viel, weswegen wir heute hierher gekommen sind. Ich weiß nicht, was Sie erwartet hatten, aber es gibt keine Zeichnungen mit einer feinnervigen Linie, die uns unmittelbar die „Handschrift des Künstlers“ zeigt, keine Gemälde – kein Öl auf Leinwand, keine Farbe, keine Pinselstruktur -, wovon wir uns doch so gern sinnlich ansprechen lassen. Vielleicht wären sie nach einigen Minuten wieder gegangen, weil Ihnen
die schwarzen Linien auf den Wänden so selbstverständlich als etwas anderes als Kunst, vielleicht als Rest von etwas anderem erschienen wären, und das zusammengezimmerte
Treppenpodest allein nicht ihre sinnliche Aufmerksamkeit hätte fesseln können.
Dennoch ist irgendetwas an diesen schwarzen Formen auf den Wänden, das uns an „Bilder‘
im Sinne von „Abbilden“ erinnert, auch wenn sie sich im wortwörtlichen Sinne nicht „dingfest“, machen lassen. Olaf Eggers geht es wohl kaum um Abbilder. Und vielleicht
haben wir von Abbildern, von schönen und weniger schönen, ja auch wirklich genug? Wir sind umgeben von bewegten und stehenden, gegenständlichen und vom Gegenstand
abstrahierten Bildern, von Gemälden, von Filmen und Photographien, von Symbolen und Zeichen. Information geschieht mit diesen Bildern in einer Weise, daß diese sich überlagern, und in unserer Vorstellung zu einem großen, bunten Puzzle werden, das wir als unsere Wirklichkeit auffassen.
Mit Bildern wirken, uns angreifen, uns erregen, uns verführen, kann die Werbung ja längst viel besser als die Kunst. Das Beispiel Benetton zeigt dies deutlich. Werbung – mit ihrer manipulierten und uns manipulierenden Realität – hat sich der ästhetischen Mittel der bildenden Kunst bedient und ist nun selbst in deren Tempel aufgenommen worden, ich denke da z.B. an Frankfurts sogenanntes Hollein-Museum, wo die Benetton-Plakate ausgestellt werden. Ob Kunst oder Werbung ist im „Jurassic-Park“ aller denkbaren Möglichkeiten geklonter Bilder gleich. Wir sehen uns zunehmend mit den virtuell erzeugten Welten digitaler Bilder konfrontiert, bei denen kein Original, nicht einmal mehr ein Negativ existiert, das uns der Wirklichkeit, die da als Folie gedient hätte, versichern könnte.
Kunst zeichnet sich, meinem Verständnis nach aber doch wohl zuerst dadurch aus, daß sie nicht zweckgebunden ist. Kunst versichert mich vielmehr einer Authentizität, die in anderen Bereichen längst durch die Reproduktion von Erfahrung ersetzt ist, da ich voraussetzen kann, daß sie, die Kunst, nur sich selbst meint.
Gegenüber dem, was wir an Sehgewohnheit mitbringen, werden wir hier – in diesem Raum – dennoch ganz schön allein gelassen. Denn wenn schon keine Bilder, lieber Olaf, so hätten es doch Objekte sein können, Skulpturen, Materialcollagen oder sonstwas haptisches. Doch ich gebe Dir recht, daß einen dieses ganze kunstmarktgerechte Zeug auch anöden kann, denn was sollen Objekte im Jahrhundert des Designs noch auszusagen haben, wenn jeder Stuhl mehr sein will als nur ein Gegenstand, um darauf zu sitzen.
Aber es sind – jetzt Ironie beiseite – die Gegenstände von denen Du ausgehst. Jene Gegenstände unseres täglichen Lebens, von denen Vilém Flusser meinte, sie seien ihm
„nicht ganz geheuer“, weil man sich ihrer zu bedienen scheint, aber in Wirklichkeit doch weiß, daß man sie bedient. Diese Ungeheuer, etwa das Auto, das Fernsehen, meine Badewannenarmatur oder die Kreditkarte, von denen ich weder weiß, wie und oftmals noch wozu sie funktionieren. „Das Ungeheuerliche an diesen Dingen“, so Flusser, „oder um es noch unheimlicher auszudrücken: das nicht ganz Geheure, ist allerdings durch dicke Schichten der Gewöhnlichkeit dieser Dinge und der Gewöhnung an sie verdeckt und tritt meistens nur bei der Anstrengung zur Entfernung dieser Schichten zu Tage.“
Mir scheint Du bist genau damit, mit der Entfernung der Gewohnheitsschichten von den Gegenständen, von denen Du ausgehst, intensiv beschäftigt. Ich kenne niemanden, der sich im Erzählen so häufig an den unfreiwilligen Witz alltäglicher Tücken erinnert wie Du, der in den beiläufigsten Dingen eine hintergründige Struktur entdecken möchte.
Wer im Januar 1990 Deine erste Ausstellung in den Räumen des Brühler Kunstvereins
gesehen hat, erinnert sich an die Vielfalt der Information, die Du damals auf den nur scheinbar vorgefundenen Papierfetzen eines imaginären Zettelkastens ausgebreitet hattest. In den unterschiedlichsten Mal- und Zeichentechniken waren mehr oder weniger konkrete
Gegenstände dargestellt – architektonische und technische Details, aber auch Ornamente und Chiffren -, deren einzelne Dingbezüge sich vom Betrachter zu einer von ihm erfundenen Erzählung frei kombinieren ließen.
Seitdem hast Du Deine Arbeitsweise erheblich präzisiert. Deutlicher als damals bleiben derartige Verweise nun allein unserer Phantasie überlassen. Die Wandfläche ist nun der unmittelbare Träger dieser Formen, weshalb die Bezeichnung „Wandmalerei“ durchaus gerechtfertigt wäre. Der lineare Charakter dieser Arbeiten steht allerdings der Zeichnung
wesentlich näher. Tatsächlich könnte man von „gemalten Wandzeichnungen“ sprechen,
denn Du entwickelst Deine Formgerüste weiterhin ausgehend von zeichnerischen Notizen
Daran schließt sich ein längerer Prozeß an, der die weitestgehende Reduktion der Form auf ein gültiges Zeichen zur Folge hat, daß als Erfindung auf Anhieb mit technischen Konstruktionszeichnungen vergleichbar scheint. Doch bieten sie diesbezüglich aufgrund eingefügter perspektivischer Irritationen wenig verläßlichen Halt.
Die schwarz gemalten Konstruktionen wirken auf den ersten Blick als feste raumgliedernde Elemente, doch läßt der starke Kontrast, den sie zur weißen Wandfläche bilden, sie wie in einer der Wand vorgelagerten zweiten Raumebene schweben. Das Anschneiden der Formen am Deckenansatz, am Boden und in Raumecken verhindert deren Wahrnehmung als
Einzelbild. Es ist der unmittelbare Eindruck einer Öffnung von Raumgrenzen der zum Abschreiten der Wandflächen und zum Maßnehmen des gesamten Raumes auffordert. Wirken bereits die einzelnen Formen trotz ihrer vordergründigen Konstruktivität labil, so wird durch ihre Anordnung Bewegung suggeriert, die sich durch unsere notwendige
Eigenbewegung tatsächlich auch in Gang setzt. Mit minimalisierten künstlerischen Mitteln werden Raumbeziehungen aufgebaut. Doch geht die Qualität der Wandzeichnungen über rein formale Überlegungen hinaus, denn Ziel dieser mobilen – weil an anderen Orten per Schablone ebenfalls aufzumalenden – Kunst ist nicht
die Wahrnehmung einzelner prägnanter Liniengerüste als Zeichen. Vielmehr stellt die raumdurchdringende Anordnung von Gegenstandserfindungen, die weder als geometrisch-
konstruktiye Form noch als Träger einer Information Eindeutigkeit besitzen, die Verfügbarkeit der Dinge in Frage.
Sich im Sehen einer Sache eindeutig zu vergewissern, wird durch das beständige Wechselspiel zwischen konstruktiver Genauigkeit und asymmetrischer Brechung, zwischen
materieller Präsenz und Transparenz, inhaltlicher Verweiskraft und Unbestimmtheit in Frage gestellt. Mit wenigen assoziativ scheinbar vertrauten Formen, die sich als „gemalte Wandzeichnung“ plastisch darstellen, wird gleichzeitig eine ebenso alltägliche wie räumliche Verunsicherung bewirkt. Olaf Eggers‘ Wandzeichnungen wirken der zunehmenden Eindimensionalität unseres Sehens entgegen. Als Zeichenfragmente sind sie gleichermaßen konkret abgeschlossene Form, wie völlig offen, eine Aufforderung zu mehrdimensionaler Wahrnehmung, zu plastischem Denken
Was schöneres kann einer Simultan-Halle garnicht passieren und – mal ehrlich – das ist doch wohl vielmehr als wir zunächst erwartet haben.
Dr. Stefan Kraus