Kunstzeitung Nr. 101, Januar 2005

Respektlos

Kai Althoff ist sicher kein Außenseiter der deutschen Kunstszene, sondern einer ihrer zentralen Pfeiler. Als der 1966 geborene Künstler im vergangenen Herbst an einem entlegenen Ort an der Peripherie Kölns, in der Simultanhalle, eine Ausstellung zeigte, da musste man aufhorchen, denn zuvor hatten sich in der Rheinmetropole Kasper König vom Museum Ludwig und Kathrin Rhomberg vom Kölnischen Kunstverein vergeblich um den Künstler bemüht. Hatte man schließlich die Ausstellung gesehen, dann wusste man, warum. Der Raum hatte es dem Künstler angetan.

Obwohl die Simultanhalle in der Kölner Volkmannstraße (i.e. Volkhovener Weg, die Redaktion) die gebaute Simulation für einen der Oberlichtsäle des Museums Ludwig war, erschien sie in dieser speziellen Isolierung und einer gewissen, durch die Jahre gediehenen Verkommenheit als eine monströse, aber weiche Hülle, die den Absichten Kai Althoffs entgegenkam. Denn nicht weniger ist "Immo", so der Titel der raumgreifenden Installation, als eine zeitgenössische Comedia humana, in der die Bahnen des Lichtes den Schatten der Finsternis antworten.

Die Arrangements scheinen einfach: hingestellte Bilder auf Tüchern und dann frontal zwei hohe Stufen, die wie simple, mit Tuch verkleidete Warenregale die Summe des Irdischen und die Hoffnung auf mehr enthalten. Der scheinbare Dilletantismus, das Studentische und Hausbackene, lenken zunächst ab. Aber schon Althoffs Bilder, deren Images die Jugendsehnsucht zwischen Art Nouveau und Pop verkörpern, tragen Gift in sich.

Ist es nicht mehr als Zufall, dass ausgerechnet zwei bedeutende Installationen von vor allem in den USA geschätzten deutschen Künstlern der neunziger Jahre (Kai Althoff zeigt bis 16.1. unter dem Titel »Kai Kein Respekt« eine Art Retrospektive im Museum of Contemporary Art Chicago) an entlegenen Orten, jedenfalls außerhalb von Museen oder gängigen Kunstinstitutionen stattfinden? Gemeint ist neben Kai Althoff sein rheinischer Kollege Gregor Schneider (siehe KUNSTZEITUNG, Nr. 100). Kann das, was sie über das Leben und den Tod aussagen, überhaupt in einer Kunstinstitution gesagt werden, ohne nicht sofort vom »Kunst-sein-müssen« aufgesogen zu werden?

Veit Loers