Welt am Sonntag, 3. Oktober 2004

Als die Jungs noch stricken sollten
Ein Kölner erobert die Welt: Kai Althoffs versponnene Bilder werden in den USA gefeiert

An den Aussenwänden der quadratischen Halle reihen sich Flächen aus Blei, Zink, schwarzem Wellblech und roten Dachziegeln. Die Decke ist übersäht mit Wasserflecken und erst seit wenigen Wochen wieder dicht.

Kai Althoff hat eine Einladung des Kölner Museums Ludwig ausgeschlagen und stellt stattdessen am Rande der Stadt, in ihrem beschaulich verrottenden Versuchsbau aus, der den trotzigen Namen Simultanhalle trägt.

Althoff ist kein Widersacher des kulturellen Establishments. Gerade hat er im Bostoner ICA eine umfassende Retrospektive gezeigt, die nun in das Museum von Chicago gewandert ist. Doch beides liegt in weiter Ferne. Viele deutsche Künstler würden das anders sehen, sie besuchen New York häufiger als ihre Eltern. Althoff dagegen, 1966 in Köln geboren, lebt auch heute noch in Gehnähe zum Dom, und wenn er verreist, dann zu seinen eigenen Ausstellungen.

Einige Stunden vor der offiziellen Eröffnung sind bereits mehrere schwere Limousinen mit amerikanischen Sammlern vorgefahren.

Die Simultanhalle steht auf dem Gelände einer ehemaligen Schule, die von weniger erfolgreichen Künstlern als Atelier genutzt wird. Man hat sich einen gemütlichen Garten angelegt, mit Obstbäumen, Holztischen und rostenden Stühlen. Hier scheint die Zeit irgendwann in den späteren Siebzigern stehen geblieben zu sein, im Hoffen und Bangen einer Gegenkultur, auf die auch Althoffs Kunst stilistisch und thematisch starken Bezug nimmt.

Er zeichnet Gruppen, Banden und Paare, die im Gras oder zum Tee friedlich beisammen sitzen, aber ihr Lachen ist grimmig, ihr Blick starr. Andere zeigen deutlich ihre Niedertracht. Ein Bäcker hebt den ausgestreckten Arm zum Gruß hinaus auf die leere Straße.

Ob in ihrer versponnenen Innerlichkeit oder offenen Brutalität - seine Helden harren in einer Märchenwelt. Althoff zeichnet sie mit sanften Konturen wie im liebsten Kinderbuch. Traumhaft sicher lässt er Farben ineinander laufen. Er krakelt, aber jeder Strich geschieht in voller Absicht.

Als er in den frühen Neunzigern auszustellen beginnt, spürt man in seinen Arbeiten eine starke Nostalgie, das Sehnen nach einer Zeit, in der ein Hakenkreuz-Sticker noch sozialromantische Freiheit verheißt. Mit billigen Mitteln lässt er die verlorene Naivität wieder aufleben und persifliert sie zugleich. Kai Althoffs Arbeiten wirken komplementär zum Nach-Wende- und Nach-Hoyerswerda-Kater des linken Kulturideologen Diedrich Diedrichsen.

Nicht nur thematisiert Althoff den Traum vom zwanglosen und gemeinsamen Wirken, er setzt ihn fort. Seine Band Workshop tritt in immer neuen Besetzungen auf, er bestreitet mehrere Ausstellungen mit Cosima von Bonin und nimmt, nachdem 2001 der große Durchbruch auf dem amerikanischen Markt gelingt, zwei Jahre lang Einladungen nur gemeinsam mit befreundeten Künstlern an. Mit Armin Krämer, Abel Auer und Dorota Jurczak spinnt er an einem Künstlerbuch über die Reiche Krämistan und Tortistan, auf dessen letztes Blatt sie ihre verrührten kollektiven Exkremente schmieren.

Althoff liebt es, zwischen verschiedenen Temperamenten zu wechseln, Dialekte und Gesten zu imitieren, plötzlich den hysterischen Berliner zu machen. Seine Briefe schreibt er mit verschnörkelten Buchstaben und ordnet, wie in seinen Liedtexten, die Grammatik dem Sprachfluss unter. Er trennt nicht zwischen Arbeit und Leben und hat die meiste Zeit auf ein Atelier ganz verzichtet. Doch anders als seine manchmal sehr wüsten, den lebendigen Müll zelebrierenden Installationen hält er seine vierzig Quadratmeter kleine Wohnung aufgeräumt und sauber. Jedes Ding hat seinen genauen Platz. Die Kleidung ist festgelegt auf die graue Cordhose von Carhartt und ein kariertes Hemd mit über die Ellbogen hochgekrempelten Ärmeln.

Im Laufe der neunziger Jahre werden Althoffs Kunstfiguren zu Wesen, die sich unmöglich nachahmen lassen. Oft sind sie transparent oder stehen vorgebeugt, mit überlang hängenden Armen und riesigen Augen, in denen verloren eine Pupille kullert.

In der Ausstellung Reflux Lux zeigt Althoff zwei lebensgroße Puppen, an denen er vorführt, was passiert, wenn, wie er in der Pressemitteilung schreibt, die Extreme "nicht mehr halb abstrakt, halb nachgefühlt" werden, sondern "alles vom Körper" in Besitz nehmen: Der eine erstickt an seiner Kotze, der andere stirbt wenig später.

In den letzten Jahren dagegen malt Althoff Mönche, die von teuflischen Fratzen heimgesucht werden und standhalten, Schwache werden behütet von Heiligen. Der katholische Glaube, zu dem Althoff sich nun bekennt, gibt die Kraft, dem Bösen standzuhalten und mit ihm zu wachsen. So wird auch das Böse zu einem Gut.

Zwar helfen zwei Bekehrte einem Rollstuhlfahrer, aber niemand in Althoffs Bildern muss sich schuldig bekennen und Buße tun. Althoff versetzt sich in das Denken eines Kindes, das zwar Liebe, Hass, Angst und sinnliche Verführung kennt, dem ein moralisches Empfinden aber fehlt. Das Böse nimmt nicht den Umweg weltlicher Verbrechen und wirkt nur als ein unmittelbar überwältigender Schrecken.

Althoffs magische Sicht trifft sich mit der von Künstlern wie Jonathan Meese oder André Butzer, die nach der von Kritik und Realismus bestimmten Kunst der 90er-Jahre nun den Hokuspokus zelebrieren. Geisterglaube, Esoterik, Expressionismus, Surrealismus und was sonst noch in der Mottenkiste namens Antirationalismus zu finden ist, werden vermengt zu einem möglichst halb garen Sud.

Doch während sich jetzt überall in der westlichen Welt Künstler bemühen, ihre eigene, möglichst bizarre Kosmologie zu errichten, hat Althoff damit nie beginnen müssen, für ihn war sie schon da. Die Musik etwa, die er seit Anfang der 90er mit der Band Workshop macht, ist sehr beeinflusst von den Krautrockern Can, nicht weil man die in England gerade wiederentdeckte, sondern weil seine Eltern mit einem Mitglied von Can befreundet waren, er als Kind deren Studio besuchte und wahrscheinlich auch die Musik seiner Schülerband Mago schon so klang.

In seiner amerikanischen Retrospektive reicht Althoffs Werkverzeichnis zurück bis in das Jahr 77, und die Geistwesen, die er damals malte, haben mit seinen heutigen große Ähnlichkeit. Ein Sammler bot seinem Vater nicht ganz scherzhaft einen Maserati im Tausch für ein Bild, das Kai Althoff ihm mit 14 schenkte.

Auch in der Simultanhalle zeigt Althoff frühe Zeichnungen mit fließenden Gestalten, die ergänzt werden von neuen Ölbildern, deren organische Konturen an die Drogenvisionen des polnischen Malers Witkacy aus den 20er-Jahren erinnern. Zwischen Art-déco-Lampen und lose drapierten Haute-Couture-Stoffen steht ein kleines Stoffpüppchen, bestickt mit den Initialen K. A. - Relikt einer Zeit, in der erstmals auch Jungen zum Sticken und Stricken angehalten wurden. Direkt daneben steckt das Emblem der rechtsradikalen Wiking-Jugend, und auf einer silbernen Tafel erklärt der Jugendbund Adler seinen Kampf. Insgesamt weit über hundert Dinge hat Althoff vor und auf einer die Halle in ganzer Breite einnehmenden Bühne verteilt, er verwandelt sie in einen begehbaren Schrein.

Alle Exponate sind Relikte entweder künstlerischen Wirkens oder aber von Menschen, die sie vormals besessen haben. Sie beschwören ein vergangenes Leben und stellen sich dem, was kommt, in den Weg. Althoff thematisiert mit diesem Sammelsurium nicht nur das Gute und Böse der Menschen, sondern auch der ihnen zusprechenden Dinge und letztlich seiner eigenen Kunst. Da ihm alle seine Arbeiten unterschiedslos nahe bleiben, lassen sie sich in keine geistige Ordnung überführen. Dafür bräuchte es die Vorstellung einer vierten Dimension. Althoff trennt sich mit dieser Ausstellung nicht nur von eigenen Werken, sondern auch von Schmuck und Möbeln, die er zwar kaufen, aber nicht behalten wollte.

Jedes ausgestellte Ding steht einzeln zum Verkauf, von der Installation selbst bleibt nur ein Katalog. Auf zwei bis drei seine Ausstellungen ergänzende, sorgsam gestaltete Publikationen bringt Althoff es mittlerweile pro Jahr. Als letzten Herbst eine Installation in einem Berliner Museum verbrannte, hat er das, so sagt er, "gern hingenommen". Dicht an dicht findet alles Platz auf dem Papier, und mit der Zeit häuft sich ein Stapel Mensch.

Ingo Niermann