JULIA HÜBNER

Im Garten der Moral

27.03. – 25.04.2004

Eröffnung: Sa. 27.03.04, 19:00 Uhr
mit einem Auftritt der MAD MULLAHS (Bonn)Die Selbstportraits von Julia Hübner sind – und hier fängt schon das Problem an: Sind es Selbstportraits? Welches Subjekt bilden die Photographien von Julia Hübner ab?
Sie bilden Gemeinschaft ab, oder zu mindest die Sehnsucht nach einer Gruppe. Die Bilder sind eine Verortung im Abbild des Anderen, sie lösen die Grenze zwischen Objekt und Subjekt auf.
Die Arbeiten von Julia Hübner haben eine eigene Wirklichkeit. Es geht nicht darum Oberfläche festzuhalten. Die Künstlerin misstraut der Bildsprache der Fotografie. Man kann ihre Arbeiten als Kritik der behaupteten Wirklichkeit von Fotoreportagen lesen. Sie sind subjektiv, stehen der dokumentarischen Fotografie diametral gegenüber. Ihre Arbeit ist expressiv, sie hat in gewissem Sinne performativen Charakter.

Die Personen, mit denen Julia Hübner arbeitet, spielen nur Sekunden lang eine Rolle - in der Belichtungszeit. Es geht nicht darum , dass in der Arbeit Jennifer und Junifer beim Austausch eines ihrer Zeichen die Mädchen, die sie auf ihren Körper projiziert, autistische Zwillinge sind. Es geht um ihre Persönlichkeit. Ihre Gegenwart als Gegenüber.
Die Fotografien halten einen Zustand fest. Sie bilden einen Raum ab, einen Ort, an dem Identifikation sichtbar wird. Die Arbeiten tragen eine verstörende Ausstrahlung in sich. Sie scheinen den Zugriff zu verwehren, weil diese Selbstportraits Projektionen von Individuen, von virtuellen Persönlichkeiten sind. Sie begegnen uns als unabhängige Subjekte.

Die Flüchtigkeit, die vielen der Arbeiten von Julia Hübner innewohnt, bildet eine Expressivität ab, die durch eine präzise Entscheidung für einen kurzen Moment die Zeit festhält, sie aber nicht anhalten will.

„Es gibt immer einen Antrieb, der hinter der einzelnen Arbeit steht. Entwickelt sich dieser Antrieb während der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber nicht, finde ich die Arbeiten nicht gut. Man weiß erst in der Auseinandersetzung, ob die Lösung im Kopf transportierbar ist. Manchmal entsteht daraus ein Kompromiss, der die Arbeit nicht fertig werden lässt. Dann kann ich das Portrait nicht annehmen.

Die Bilder sollen den Betrachter ansehen, nicht umgekehrt. Sie sind in einem anderen Raum. Eine gedachte Familie, die man sofort wieder verwirft.“

Der vergebliche Versuch sich zu verbinden, Gewissheit der Einsamkeit, mit einem Moment der Nähe und Wärme. Die Bilder behaupten nichts; es geht um Ambivalenz im Ausdruck, die durch die Verschmelzung von zwei Personen eine weitere Ebene erhält.

"Cindy Sherman benutzt in ihren frühen Arbeiten Prototypen. Ich suche eine Person. Ihr ging es um Typisierung. Mir geht es um das Interesse an der Zeit. Es geht um die Verkörperung der Werte. Werte, die man fühlt und in der Person verkörpert sieht. In wie weit sind Werte nur behauptete Werte? Da ist Fassungslosigkeit die ein Urteil verbietet. Es geht mir um die Annäherung an ein Verständnis.“

Man kann die Arbeit von Julia Hübner auch in einer „Generation 70er Jahre BRD“ verorten. Die Vergangenheit war für die Künstlerin immer präsent: „Man wurde damit konfrontiert.“ Doch es gibt eigentlich keine Möglichkeit diese Vergangenheit zu verbalisieren. Es ist nicht möglich, sich zu verbinden, zu versöhnen. Man kann nur einen Blick darauf werfen.

Es geht um die Grundlagen der Gesellschaft. Es geht um den Inhalt, um die Eingeweide, es geht um das Unsichtbare, um das nicht beschreibbare. Es geht um ANTIPOP!


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Julia Hübner
Wir sind zu zweit und du bist allein, 2004

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Julia Hübner
Großer Gott mit deinem Bart, 2004