MIRKO TSCHAUNER

Einer bleibt am Wagen

18.03. – 22.04.2007

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Ein Bauarbeiter kommt in das Büro des Stadtplaners und gibt ihm einen Würfel. Der Würfel als erstes Modul beginnt zu wachsen und seine Kanten auszudehnen. Innerhalb von Tagen durchdringt die expandierende Gitterstruktur Häuser, Türme und Brücken. Diese schwarze und rätselhafte Struktur ist unzerstörbar und bietet den Bürgern neue Wege und Räume. Nach einigen Jahren dehnt sich die Struktur auf eine Weise aus, dass sich die Abstände des kleinsten Moduls über die Stadtgrenzen hinaus weiten und für niemanden mehr wahrnehmbar sind. Das Fieber des Stadtplaners.

Die Skulpturen von Mirko Tschauner (geb. 1972 in Köln) sind statische Materialzusammenstellungen aus Waschbeton, Jurakalkstein und Eisenrohr. Aus diesen Materialien werden einfache, geometrische Formenm geschnitten oder gegossen. Materialien, deren Schwere durch die Anordnungen der Arbeiten scheinbar relativiert wird. Während die Einzelformen aus Guss- und Schnittformen gewonnen werden, entsteht die Gesamtarbeit durch einfache Kompositionsmethoden wie Spiegelungen, Drehungen, Kippen und Schichten.

Für die Ausstellung in der SIMULTANHALLE werden drei Arbeiten erstellt. Die zentrale Bodenarbeit zeigt wesentlich die Vorgehensweise: Sie besteht aus acht Elementen, vier schmale spitze Dreiecke und vier großflächige Dreiecke aus Waschbetonplatten. Je eine schmale und eine großflächige Dreiecksplatte bilden einen Schichtungskörper. Die vier Schichtungskörper berühren sich an den Spitzen der zusammenlaufenden Flächen, so dass eine Freifläche entsteht. Ein offenes Gebilde, bei dem nicht klar ist, ob die Elemente ruhen, drücken oder kippen. Die Metallrohrarbeit „Fieber“ wirft ein ähnliches statisches Kippmoment auf, ein Kreis aus Metallrohr durchspannt den Raum, beziehungsweise wird von dem Raum eingespannt. Diese Spannungsmomente in den Arbeiten von Tschauner scheinen nicht definierbar zu sein: Drückt es nach innen oder nach außen, schwebt es oder lastet es?

Erinnerungsstücke des urbanen Alltäglichen: Fassaden, Laternenmasten, Treppenhäuser. Versatzstücke moderner Architektur, aber nicht singulärer Architekturmonumente, sondern gesehene städtische Architektur. Gesehen im Vorbeigehen.

Das scheinbar Fragmentarische blitzt aber nur auf, weil die Arbeiten auf etwas anspielen oder etwas wecken, was bekannt scheint. Eine scheinbare Ikonografie architektonischer Formen, Teile von Stadterfahrung. Hergestellt sind die Arbeiten durch Schnitte in den Stein. Keine Bruchstellen, keine gefundenen Reststücke, sondern geplante geometrische Formen. Die Dynamik der Dreiecksformen und der schräg gestellten Objekte gerät in eine austarierte Ruheposition beim Betrachten des Statischen. Beunruhigung. Unsicherheit über die Wirkung und die Herstellung: Das Gefundene, das Noch-nicht-Fertige, das Reststückhafte in der Wirkung und die Geometrie der Schnittformen, die Statik der angehaltenen Dynamik, das Ruhen und Lehnen der Objekte. Eine Beunruhigung und ein charakteristisches Kippmoment aus Trägheit und Anspannung spiegelt auch der Titel der Ausstellung in der SIMULTANHALLE wider: „Einer bleibt am Wagen“...

Sebastian Freytag, 2007


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