KERSTIN ERGENZINGER

Studien zur Seh_n_sucht

28.10. – 01.12.2007

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Das sogenannte „Hinterfragen von Wahrnehmungsmustern“ und das „Brechen mit konventionellen Seherfahrungen“ ist von der einstmaligen Forderung der Avantgarden zur ersten Pflichtübung für Künstler geworden und zum Topos, den eine ideenarme Kunsttheorie an jeder Stelle herbeizitiert – vom Rezipienten gleichermaßen pflichtschuldig abgenickt. Eine anspruchsvolle künstlerische Auseinandersetzung, die auf die Grundkonstanten unseres Wahrnehmens reflektiert (ohne sich dabei in neuromantischer Erhabenheitsästhetik oder illustrativen Erlebnisparcours zu erschöpfen) läuft Gefahr, ihres kritisch-analytischen Potentials entweder in diesem vorauseilenden Verstehen beraubt oder übersehen zu werden, wenn sie nicht wohlfeil zu haben ist.

Die in Köln lebende und arbeitende Künstlerin Kerstin Ergenzinger (geb. 1975 in Reutlingen) schafft mit avancierten technischen Mitteln äußerst präzise Installationen, in denen sie Grundparameter unseres sinnlichen Welt- und Wirklichkeitszugangs beobachtbar macht – in denen sich unsere Wahrnehmung selbst bei der Arbeit zusehen kann. Der technische Apparat ist bei Ergenzinger nicht Selbstzweck oder Vorführobjekt, sondern erscheint – in seinem prothetischen Charakter offengelegt – als Hinweis auf die konstruktiv-technischen Bedingungen unseres Wahrnehmens selbst. Kerstin Ergenzingers Installationen haben in der Reduziertheit der Mittel, der analytischen Präzision ihrer Anordnung und ihrer spröden Poesie Skizzen- oder Studiencharakter. Die Zeichnung als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit dem eigenen sinnlichen Erleben von Raum, natürlicher Landschaft oder gebauter Architektur bleibt in ihnen stets spürbar.

In ihrer Installation für die Simultanhalle „Studie zur Seh_n_sucht“ setzt Kerstin Ergenzinger die Seherfahrung einer Landschaft um, die über die Zeit hinweg ständiger Veränderung unterliegt: Flexionaldraht, eine Metallverbindung, die sich wie ein menschlicher Muskel ausdehnen oder zusammenziehen kann, dient als Tragesystem für eine Gewebeoberfläche. Auf diese abstrakte „Berg- und Bodenformation“ mit Erhebungen und Tälern werden von einem Seismographen registrierte Bodenschwingungen der unmittelbaren Umgebung übertragen, die nicht mehr körperlich spürbar sind – das konstante „Hintergrundrauschen“ der Erde sowie feinste Erschütterungen, die durch die Besucher in der Simultanhalle ausgelöst werden. Unser bewußtes Wahrnehmen, das von dem Wunsch (der „Sehn_n_sucht“) getragen ist, die Objekte unserer Umwelt zu klären, zu stabilisieren und festzustellen wird hier enttäuscht: Erwartungen, dass sich Formen festigen und bleiben, werden nicht erfüllt. Die Erscheinung zeigt sich als Prozess, in dem Aufbau und Verschwinden einander bedingen. Kerstin Ergenzingers Arbeit stellt so eine unmittelbare physische Verbindung zwischen Betrachter und Landschaft her.


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