GREGOR GLEIWITZ / CLEMENS BOTHO GOLDBACH

Menetekel

13.07. – 23.08.2008

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„Mene mene tekel u-pharsin: gezählt, gewogen und für zu leicht befunden – geteilt wird dein Reich.“ Die Deutung der Flammenschrift, die sich dem hochmütigen Belsazar beim Festmahl zeigt, steht synomym für eine Erscheinungsform, die ebenso bedrohlich wie rätselhaft ist. Halb Natur-, halb Kulturphänomen dringt hier etwas in den eingehegten Bereich der Macht, das unkontrollierbar ist und sich eindeutiger semantischer Bestimmungen entzieht. Die Prophezeiung hat sich erfüllt: Gregor Gleiwitz und Clemens Botho Goldbach teilen als Erben Belsazars die Simultanhalle unter sich auf. Für ihr erstes gemeinsames Ausstellungsprojekt haben sie Arbeiten konzipiert, die den Raum nach allen Seiten hin öffnen und für das „Menetekel“ durchlässig machen – auch auf die Gefahr hin, das Schicksal Belsazars zu teilen.

Aus der Konfrontation von Natürlichem und Künstlichem, der Umkehrung von Außen- und Innenraum bezieht die Arbeit von Clemens Botho Goldbach ein wesentliches Spannungsmoment. Seine Installationen sind ebenso exakte wie materialaufwändige begehbare Landschaftskompositionen. Unwillkürlich stellt sich in ihnen ein intensives Naturerlebnis ein, das alle Sinne des Betrachters aktiviert - Auge, Gehör, Geruch, Taktiles. Eine detaillierte Betrachtung offenbart die Künstlichkeit der Szenerie und Goldbachs Arbeitsweise als radikalisierte Form von Mimesis. Sie speist sich aus dem Studium organischer und vegetativer Ordnungen wie der Verarbeitung von Vorbildern aus dem Umfeld romantischer Malerei. Auf der gesamten Grundfläche der Simultanhalle, die nurmehr über eine Brücke zu betreten ist, hat Clemens Botho Goldbach ein Binnengewässer installiert. In den Innenraum verlegt, setzt der Teich als akkulturierte Natur seine unheimlichen nicht domestizierbaren Naturkräfte frei: Dunkel, in der Tiefe nicht abzuschätzen, entzieht er dem Raum den festen Boden und wirft dem Betrachter das eigene Spiegelbild zu.

Gregor Gleiwitz, der sich als „Maler des gemalten Zweifels“ versteht, sucht in seinen Arbeiten ein prekäres Moment im Grenzbereich von Gegenständlichkeit und Abstraktion. Um den labilen vorfigurativen Zustand zu fixieren, kurz bevor sich die Farbmaterie zur identifizierbaren Form konkretisiert, operiert Gleiwitz mit Denkbildern und handwerklichen Konstrukten, die ihm beim Malen als Leitlinien dienen. Sein monumentales, auf alle vier Wände der Simultanhalle ausgreifendes Wandbild nimmt die der Écriture automatique verwandte Telefonzeichnung ebenso zum Ausgangspunkt wie die konkret-räumliche Gegebenheit der unverputzten Mauerflächen. Gleiwitz lässt sich von der Vorstellung leiten, zwischen den Mauerfugen - wie durch die Maschen eines Zauns hindurch - ein Bild jenseits der Wand zu realisieren. Dabei wird jeder Stein zum isolierten Blatt und zur Keimzelle einer rhizomartig wuchernden Struktur. In vielfältigen Abschattungen, von tiefschwarz-deckend bis wässrig-lasierend und glatt, scheint sie die Simultanhalle von Außen zu okkupieren.

 

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