CHRISTIAN BERG/ LUKA FINEISEN/ ROBERT KRAISS/ GEREON KREBBER

90Grad ist hart

14.09. – 11.10.2008

90grad1

Ein luftblasenähnlicher blauer Körper von den Ausmaßen eines überdimensionalen Wassertropfens, ein grünes Schlangengeflecht, das sich um eine Eisenstange herum windet, ein weißes Podest auf dessen Ecken vier schwarz-weiß-gelbe Betonquader mit integriertem Stahlträgersystem ruhen, drei großformatige Graphitflächen und zwei ephemere Strukturen auf Papier an den Wänden, umgeben von einer sich stetig wandelnden Masse aus Wasserdunst – mit jedem Blick auf die Objekte der Gruppenausstellung „90 Grad ist hart“ scheinen sich die Aggregatszustände inner- und außerhalb der Simultanhalle zu verändern. Die Werke nehmen neue Farben an und scheinen in ihrer Oberflächenmaterialität geradezu chemisch aufeinander zu reagieren. Dabei bilden die baulichen sowie organischen Gegebenheiten der Räumlichkeiten eine Art Experimentierfläche, ein Labor, in dem den Naturgesetzen getrotzt und die Grenze der Stofflichkeit aufgehoben werden.

Die Arbeiten der vier Künstler unterscheiden sich in all ihren Einzelelementen, und vereinen sich in ihrem gesamten Erscheinungsbild, und in ihrer Bezugnahme auf einander sowie auf den Raum.

Gereon Krebber schafft aus blauer Frischhaltefolie, Styropor, Holz und Luftfolie einen in seinen Grenzen zwar festen Körper, der durch sein Erscheinungsbild als Blase jedoch kaum als fest oder gasförmig, leicht oder schwer zu definieren ist. Die grüne Rohrstruktur, die um eine Eisenstange gewunden in einer Ecke hängt, verbirgt ihre durch Silikon gehärtete Festigkeit durch Form und Farbe, die vielmehr an Lianen als an Wellrohre erinnern. Jederzeit –so scheint es- könnte das Objekt ein Eigenleben entwickeln und seine Position an der Stange und somit im Raum verändern.

Statischer erscheinen da zunächst die Arbeiten von Robert Kraiss, dessen riesige Graphitzeichnungen wie undurchsichtige Fenster an den Wänden der Halle installiert sind. Doch der Eindruck täuscht, und je nach Lichteinfall verändern auch diese matt spiegelnden Oberflächen ihr Wesen. Ist nun das Graphit der Grund auf dem vereinzelte milchig weiße Linien verlaufen, oder deckt es umgekehrt das Helle wie ein Ölfilm ab? Das Spiel mit Oberfläche und Farbigkeit geht da weiter, wo Robert Kraiss seine Bilder weiter aufbricht, figürlicher arbeitet und durch voneinander abgetrennte Geflechtstrukturen auch in den Freiräumen auf dem Papier Negativformen erscheinen lässt.

Ein ununterscheidbares Innen und Außen zeigt sich auch in den Betonskulpturen von Christian Berg, der Farbe nicht flächig verwendet, sondern sie als Beimischungen in den Beton ver-körpert. Diese Körperlichkeit verhüllt sich allerdings in der festen Masse des Beton, und erst das Aufbrechen der Betonquader würde den Beweis erbringen. Die Farbe versteckt sich also, und definiert sich zugleich als dreidimensionaler Körper. Die Eisenstangen, die aus allen vier Quadern hervorlugen verweisen auf die Möglichkeit des Weiterwachsens, der Veränderung der Form, die auch hier aufgrund der festen Masse, nur im Kopf passieren kann.

Im Gegensatz dazu beruht die Wasserdunstinstallation von Luka Fineisen an der Außenwand der Halle auf ständiger, nicht vorhersehbarer Veränderung. Hier wächst und schrumpft die Form in jeder Sekunde, und nimmt damit Bezug auf die Struktur der Wand, auf der sich ein Efeugeflecht über Ziegel, Teerpappe, Blech und Schiefer legt. Gleichwie das Efeu sich über die statischen Materialien ausbreitet, wandert der Wasserdunst auf der Hallenwand entlang, und verleiht dem kubischen Bau der Simultanhalle ein organisches Eigenleben.

Dieses Wechselspiel von Fest und Flüssig, Farbe und Farblosigkeit und den damit verschwimmenden Grenzen zwischen Form und Inhalt ist allen Werken der Gruppenausstellung gemein. In ihrer Grundstruktur beziehen sie sich auf unverrückbare Grundmaße, alle vereinen Formate, die rechte Winkel aufweisen. Fast wie ein ungewolltes Eigenleben scheinen ihre Formen dennoch aus dieser Starre immer wieder auszubrechen und ihre Materialität zu negieren. 90 Grad ist eben hart.

 

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