GUSTAV ERB

How wonderful life is, now you’re in the world

26.10.2008 – 21.11.2009

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How wunderful life is, now you’re in the world – was in Elton Johns Your Song noch Teil eines nachdenklichen Refrains ist, der sich nur behutsam von den Strophen absetzt, wird in Baz Luhrmanns Film Moulin Rouge (2001) zum herzpochenden, immerwiederkehrenden Schwur der Liebenden. Aus weiteren unzählbaren Popmusik-, Oper- und Filmzitaten wird so ein abendfüllender Musik-Clip zusammengewebt, dessen Erregungslevel durchgehend kurz vor dem Überdrehen steht. Auch Gustav G. Erb betreibt Appropriation, und zwischen seiner Ausstellung in der Simultanhalle und dem Film gibt es gemeinsame Motive. Aber während dieser seine Berechtigung aus Überkitschung und Überstilisierung zieht, interessiert Erb das Spannungsfeld zwischen einer solchen poppigen Dramatik auf der einen und einer zarten Romantik auf der anderen Seite. Er legt in der Simultanhalle einen Kosmos an, in dem diese Zustände ineinander übergehen bis sie untrennbar miteinander verflochten sind.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Moulin Rouge, das dekorative Wahrzeichen des berühmten gleichnamigen Varietés im Pariser Stadtteil Montmartre. Erbs Nachbau ist zwar eine proportionsgetreue Rekonstruktion der Mühle, die das Varieté in seiner Anfangszeit (den 90ziger Jahren des 18. Jahrhunderts) zierte, aber sie bleibt eine Andeutung. Der Blick geht durch das Dachlatten-Gerippe hindurch. Die rautenförmigen Fenster im oberen Bereich des Rumpfes werden auf ein funktionsloses Muster reduziert. Auch die Farbe ist kein reines Herzblut mehr, hier ist eine nachdenkliche Kühle beigemischt. Das disneyparkhafte der Vorlage ist nur noch unterbewusst wahrnehmbar. Beobachtet wird dieser Bau vom traurigen Pierrot. Beim Malen des Bildes fiel Erb die Ähnlichkeit zu Jean-Antoine Watteaus Gilles auf. Watteaus Porträt des melancholischen und einsamen Theaterclowns unterscheidet sich stark von seinen sonst heiteren und sinnesfreudigen Bildern. Gerade dieser Bruch im Werk Watteaus veranlasste Erb dazu, den Pierrot zu Ende zu malen. Damit nicht genug: Das Bild beginnt sich mit der Halle zu verbinden; die Wiesen wachsen in Gestalt grün angemalter Aufsteller aus Pappe in den Raum hinein; die rosafarbenen Wolken ziehen auf ähnliche Weise um die Windmühle auf. In ihrer Kulissenartigkeit spielen diese zweidimensionalen Elemente wieder auf das Varieté an. Das Zwielichtige des Pariser Vorbilds schließlich wird von unzähligen Natural Beauties verbreitet – es handelt sich um Buntstift Abzeichnungen von Nacktfotos, die hier als Dia an die Wand geworfen werden. Durch den bedachtsamen Vorgang des Abzeichnens wird die Obszönität der Bildinhalte jedoch mit einer neuen Empfindlichkeit belegt.

Mit dem geschilderten Parcours im unteren Bereich der Halle gelingt Erb das paradoxe Kunststück, nur aus Zitaten eine ganz eigene Welt zu erschaffen. Die Fotoserie von Totenkopfskulpturen, einem Damoklesschwert gleich in den oberen Teil der Halle gehängt, lässt aber keine Zweifel aufkommen, dass die wirkliche Welt doch macht, was sie will.

Das temporäre Modell der roten Mühle lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Geschichte des Ausstellungsraums. Ursprünglich war die Simultanhalle selbst nur ein Modell des Museum Ludwig und sollte bald wieder abgerissen werden. Wie wundervoll, dass sie jetzt seit 25 Jahren in der Welt ist.


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