STEFAN HODERLEIN

self-conscious

24.05. – 20.06.2009

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Wer traut sich? Als erster auf die Tanzfläche, näher an die Musik? Allein dastehen, die ersten Schritte machen? Es ist leichter, wenn das Gewühl schon da ist, wenn – umspült von der Musik - alle zu einem Körper werden, tausendfüßig und vielköpfig: Die Umrisse des großen Wesens Tanznacht entstehen aus der Bewegung vieler, sind eigentlich nur kurz da und sehen schon wieder anders aus. Keiner steht allein da, mit seinen Armen und Beinen, seinem Kopf und seinen Bewegungen.

„self-conscious“, das ist so ein kurzes englisches Wort, das jeder übersetzen kann – irgendetwas mit Selbstbewusstsein. Stefan Hoderlein hat nachgeschaut im Thesaurus – wie alle diese englischen Umgangswörter, die jeder hier benutzt, ist das auch so ein Vokabel, die präziser ist, als viele sie verstehen: Es kann bedeuten, dass man sich seiner Individualität bewusst ist, dass man seine Handlungen oder Gedanken beobachtet (a.) oder eben fast das Gegenteil (b.): unsicher sein, sich unwohl fühlen, verkrampft, reserviert, steif. Beide
Bedeutungen machen hier Sinn.

Die Wand ist voller kleiner Bilder. Ein groß gerastertes Muster. Wenn man näher hinschaut sieht man, dass jedes dieser kleinen Bilder eine Video-Projektion ist. Wie kleine Fenster sitzen die Loops auf der großen, schwarzen Wand, jede Einstellung ein Einblick – in ein Stück Zimmer, einen Moment Zeit. Stefan Hoderlein hat für diese Arbeit Videos kompiliert. All die Aufnahmen, die er in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten selbst von sich machte, indem er die Kamera auf einem Stativ in den Raum gestellt hat, die Musik laut gedreht und
getanzt hat. Allein, zu Hause. So wie es viele tun – die, die sich nicht trauen, genauso wie die, die eigentlich immer tanzen. Wenn man als Künstler mit Video arbeitet, mit Aufnahmen von Tanzenden, von sich – dann ist dieses private, das Zuhause, das Studio. Wir sehen den Künstler bei der Arbeit, jahrelang: In kurzen Hosen und Jeans, in bunt gemusterten Hemden und T-Shirts, meist in Turnschuhen, einma hat er ein Gipsbein. Im Hintergrund hängen Poster, Fotografien, die eigene Kunst. Ein paar Aufnahmen entstanden draußen, im Park oder auf irgendeiner Wiese – zwischen all den Interieurs und hinter dem Tanzenden Stefan Hoderlein sieht die Natur aus, wie eine Motivtapete.

Die Wand ist so dunkel wie eine hohe Mauer, ein Haus, das voll ist mit Tanzenden. Doch ihren Schritten, ihren Drehungen, dem Winken und Zappeln und Hüpfen hat jemand den Sound abgedreht, eigentlich müsste es vielstimmig klingen, in allen Stilen und Rhythmen. Da mengt und mischt sich aber nichts – wie auch die Tanzenden allein bleiben und mit ihren Armen und Beinen und Köpfen ein hell strahlendes Muster auf die Wand zeichnen, nur für einen Moment. Ein Kaleidoskop von Unberührbaren.


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